Man könnte mir vorwerfen, dass ich einige wesentliche Dinge meines Lebens nicht entsprechend zu würdigen wüsste. Ich konnte ohne technische Hilfsmittel leben und war mit meinen 22 Jahren gänzlich unterqualifiziert für das Mitspielen in einem „Forschung hat mein Leben gerettet“-Werbespot, aber nebenbei konnte ich mit der Zeit auch meinem Studium nichts mehr abgewinnen. Aufmunternde Floskeln wie „Hey, du bist schon so weit, nu mach das mal auch zuende!“ brachten mich bloß immer mehr auf den Trichter, dass ich mich auf dem besten Wege befand, mich auch noch zusätzlich für die spätere Berufswelt zu disqualifizieren, je nachdem wie lange ich noch Zeit damit verbrachte, mich Vorlesung für Vorlesung zu fragen, warum ich morgens nicht einfach liegen geblieben bin.
Während mir diese altvertrauten Gedanken wie jeden Montag morgen durch den Kopf schossen, hatte zumindest mein rechtes Bein eine Entscheidung getroffen und bewegte sich mehr oder weniger ohne mich aus dem Bett in Richtung Fußboden auf der Suche nach dem passenden Hausschuh. Und damit fing mein persönliches Abenteuer schon an. Vielleicht hätte in dem Moment jeder Astrophysiker gerne mit mir getauscht, aber ich fand den Umstand, dass sich ein schwarzes Loch direkt vor meinem Bett auftat, ziemlich kacke. Und noch bevor ich mir zu diesem denkwürdigen Ereignis meine Gedanken machen, oder besser noch, mich entsprechend anziehen konnte, wurde ich selbst angezogen und mit meinem rechten Fuß voran aus meinem Bett geschlürft – ohne Hausschuhe versteht sich, die hatten sich wahrscheinlich schon vor mir, in Begleitung meines mottenzerfressenen Lammfell-Bettvorlegers auf die Reise gemacht.
Nachdem ich mir eine kurzweilige erste Verwirrung zugestand, versuchte ich mich zu orientieren. Die Betonung auf dem Wort „versuchte“ ist dabei sehr wichtig, denn um ehrlich zu sein, hatte ich nicht den leisesten Schimmer, wo ich war, wie ich war, ob ich mich bewegte und ob ich aus diesem Ding jemals wieder auftauchen würde.
Ich konnte mich betasten. Für mich ein sicheres Zeichen, dass ich nicht an einer großen, bösen Materie kläglich zerschellt war. Ich bewegte meine Beine und spürte festen Boden unter den Füßen. Ich war also irgendwo gelandet ohne es zu merken. Das mulmige Gefühl, welches diese Entdeckung mit sich brachte, beiseite schiebend, überprüfte ich meine anderen Körperfunktionen. Meine Ohren schienen noch zu funktionieren, doch war mein etwas unregelmäßiges Atmen das einzige Geräusch weit und breit. Auch meine Nase schien noch riechen zu können. Im Moment allerdings wünschte ich, dass dies nicht der Fall gewesen wäre. Was für ein Mief! Dabei sollte man meinen, dass so ein schwarzes Loch alleine durch seine Lochhaftigkeit immer gut gelüftet ist.
Was mich nun allerdings doch ein kleines bisschen verunsicherte, war, dass mein bisheriges Leben in Bildern an mir vorbeizog. Da ich aber die Augen nicht geschlossen hatte, mich außer meiner Orientierungslosigkeit völlig fit fühlte und auch sonst nicht gerade eine Meisterin der Traumreisen war, gab es für mich nur eine logische Erklärung: die Bilder waren real und bewegten sich wie von Geisterhand getragen direkt an mir vorbei. Auch wenn ich selbst auf den Bildern nicht zu sehen war, erkannte ich sie doch sofort wieder. Alles waren Erinnerungen aus meiner Perspektive gesehen. Gerade war die Bilderreihe bei meiner ersten gustatorischen Erfahrung mit einem Matschkuchen angekommen. Unwillkürlich musste ich lachen. Dann meine Mama, die mich behutsam in den Arm nimmt und drückt. Ich bin glücklich und zufrieden. Diese Bilder in all ihrer Plastizität waren tatsächlich in der Lage, mich dieselben Gefühle von damals noch einmal fühlen zu lassen. Im Schnelldurchlauf geht es weiter. Wenngleich auch mit einigen Tiefschlägen (der Friseur zerstört mir meine Frisur einen Tag vorm Klassenfototermin, mein erster Kuss, mein erster und letzter Versuch, auf einem Skateboard zu fahren), war ich doch überwiegend glücklich gewesen. Und war es nun auch. Mein Leben war doch eigentlich super gelaufen. Warum hatte ich dann in letzter Zeit so wahnsinnig schlechte Laune? Als hätte die Bildmaschinerie meine Frage gehört, zogen in meinen Erinnerungen erste ernsthaft große Wolken auf. Mein Abi gerade hinter mir, war ich in ein tiefes Loch gefallen, das diesem hier gar nicht so unähnlich war. Nachdem mein Leben für viele Jahre fröhlich umhergedümpelt war, stand ich nun vor der großen Frage, wie es weiter verlaufen sollte und betrieb die Flucht nach vorne: Studium. Nach anfänglichen Alles-neu-alles-toll-Sonnenstrahlen, zog sich die Wolkendecke mit Einsetzen der Routine wieder zu.
Ich war frustriert und wandte den Kopf ab. Verwundert darüber, dass ich dieser Darbietung anscheinend nicht folgen musste, beschloss ich, mein Umfeld zu erkunden, das ich nun im leichten Schein der Bilder schemenhaft erkennen konnte. Was mich noch mehr verwunderte, war nun, dass ich anscheinend hier unten-oben-wo auch immer gar nicht alleine war. Keine geschätzte zwei Meter von mir entfernt zog ein ebenso langes Band an Bildern vorbei. Doch so sehr ich auch meine Augen anstrengte, konnte ich niemanden ausmachen, für den höchstwahrscheinlich diese Bilder bestimmt waren. Ich näherte mich vorsichtig. Das erste Bild, was ich erhaschen konnte zeigte eine Schafherde auf einer grünen Wiese. Das Gras war saftig frisch und sehr lecker. Ich schüttelte irritiert den Kopf. Der Emotionenübersprung schien auch hier zu funktionieren. Ein Mutterschaf, an das ich mich schmiegen kann. Mir wurde wohlig warm ums Herz. Plötzlicher Szenenwechsel: ein großer Mensch mit Gummistiefeln lockt mich mit einer Flasche Milch. Doch was hält er da hinter seinem Rücken? Ein Bolzenschussgewehr? Mir stockte der Atem und ich löse mich von der Erinnerung. „Lauf weg, kleines Lämmchen, lauf weg!“, dachte ich und wurde fast ohnmächtig als ich das nächste Bild sah: es war schwarz. So groß und so schwarz. Ich vernahm ein leises Schluchzen neben mir.
Erschrocken fuhr ich zurück, aber konnte nach wie vor nichts Auffälliges entdecken. Erst als ich mich herunterbeugte, sah ich etwas kleines Flauschiges: Mein Lammfell-Bettvorleger. Doch bevor ich mich ihm wieder ein bisschen nähern konnte, fiel mein Blick auf ein Bild, auf welchem ein kleines nacktes Baby auf das Lammfell gelegt wurde und mir auf irgendeine Weise unheimlich vertraut war. Erst als ich auf dem darauffolgenden Bild meinen Vater mit einer Kamera in der Hand sah, fiel bei mir der Groschen: mein Bettvorleger erinnerte sich an mich! Und wie die darauffolgenden Bilder zeigten, auch an sämtliche Stationen meines bisherigen Lebens. Ich blickte wieder auf meinen Bettvorleger hinunter. Regungslos lag er da. Hatte ich mir das Schluchzen etwa nur eingebildet? Doch da kam es wieder: ein leises Wimmern, das sich langsam aber sicher zu einem lauten und schrillen Fiepen entwickelte. Eine Erinnerung an Motten, die Eier auf ihm ablegen leuchtete auf, schlüpfende Larven, die sich daran machten, ein paar seiner Fasern wegzuknabbern, folgten. Das Fiepen wurde unerträglich. Ich beugte mich herunter und streichelte behutsam über meinen kleinen Teppich. Augenblicklich verstummte das Fiepen und ein tiefer wohliger Brummton ertönte. Ich schmiegte mich an ihn, wie ich es schon so oft getan hatte und ein tiefer Seufzer erklang.
Da lag ich nun, meinen Teppich im Arm, umgeben von tiefer Schwärze und umkreist von Bildern meiner Erinnerung und denen des Bettvorlegers. Ich war unglücklich – nicht nur für mich, für uns beide. Was wäre, wenn man gewisse Entscheidungen, die man getroffen hatte, einfach wieder rückgängig machen könnte, man ab einer gewissen Stelle seines Lebens noch einmal anfangen könnte – noch einmal neu beginnen? Hätte ich gewusst, dass BWL nichts für mich ist, dass mir während meiner Studentenlaufbahn fast nur schreckliche Menschen über den Weg laufen würden und dass ich mit Themen konfrontiert würde, die mich bis in meine schlimmsten Albträumen verfolgten, hätte ich mich mit Sicherheit anders entschieden. Was wäre wenn das Lämmchen nicht auf den Flaschentrick reingefallen wäre, sondern das Weite gesucht hätte?
Plötzlich änderte sich die Luft, ein frischer Wind kam auf und die Bilder über uns zogen ihre Kreise immer schneller. Ein starker Sog entstand, der uns beide immer schneller drehend, immer weiter mitriss. Verängstigt klammerte ich mich an mein Lammfell, das ich inzwischen mehr als lieb gewonnen hatte. Doch je stärker die äußeren Kräfte an uns zerrten, desto schlechter gelang es mir, an meinem Teppich festzuhalten, bis er mir zuletzt ganz entrissen wurde. Ich schrie und ruderte mit den Armen, wollte zu ihm gelangen, doch er befand sich schon außer Reichweite und bewegte sich im Gegensatz zu mir immer weiter hinab. Ich hingegen blieb wo ich war und brach schließlich aus dem Sog heraus. Schwärze.
Als ich schließlich wieder die Augen aufschlug, befand ich mich in meinem Bett. Mein Handy klingelte. Meine Freundin Julia war dran: „Sach mal, Anna, wo bleibst du denn? Wir wollten doch heute Kleider für unseren Abiball kaufen gehen! Ich warte schon seit ner halben Stunden auf dich!“. Ich war perplex. Das konnte doch alles gar nicht wahr sein! Sollte ich wirklich mein Leben noch einmal neu ordnen können? Um dies herauszufinden, schwang ich mich aus dem Bett. Meine Füße berührten den nackten Boden.
